Nach 90 oder 120 Minuten steht in einem K.-o.-Spiel immer noch kein Sieger fest. Nun entscheiden wenige Schüsse aus elf Metern, wer weiterkommt. Beim Elfmeterschießen erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Doch funktioniert es wirklich wie eine Lotterie? Wie viel hängt vom Glück ab und wie viel lässt sich trainieren?
Reiner Zufall kann das Ergebnis jedenfalls nicht sein. Eine Studie von 586 Elfmeterschießen zwischen Mannschaften aus unterschiedlichen Spielklassen zeigte, dass höherklassige Teams einen messbaren Vorteil hatten. Ein Unterschied von einer Spielklasse verschob die Siegchance um acht Prozentpunkte zugunsten der höherklassigen Mannschaft.
Der Torwart springt, bevor er weiß, wohin
Der Elfmeterpunkt liegt elf Meter von der Torlinie entfernt. Ein scharf geschossener Ball erreicht das Tor in weniger als einer halben Sekunde. Reaktion und Hechtsprung des Torwarts dauern länger. Das heißt, der Torwart muss sich bereits während des Anlaufs für eine Richtung entscheiden.
Ganz blind springt er dabei jedoch nicht. Torhüter achten auf den Winkel des Anlaufs, die Stellung des Standbeins, die Hüfte und den letzten Schritt vor dem Schuss. Auch die Blickrichtung kann einen Hinweis liefern, lässt sich von erfahrenen Schützen aber bewusst zur Täuschung einsetzen. Ein harter und präziser Schuss bleibt dennoch kaum erreichbar.
Der Sieg beginnt vor dem ersten Schuss
Jens Lehmanns berühmter Spickzettel bei der WM 2006 zeigte, wie genau sich Mannschaften auf ein Elfmeterschießen vorbereiten. Darauf standen die bevorzugten Ecken argentinischer Schützen. Heute übernehmen Datenbanken und Videoanalysen diese Aufgabe noch wesentlich detaillierter.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen einer torwartunabhängigen und einer torwartabhängigen Strategie. Bei der ersten legt der Spieler bereits vor dem Anlauf fest, wohin er schießt. Bei der zweiten beobachtet er den Torwart und entscheidet erst während des Anlaufs, in welche Richtung er schießt. Beide Strategien können funktionieren. Wer seine Entscheidung jedoch erst im letzten Moment ändert, riskiert einen ungenaueren Schuss.
Warum selbst Weltstars plötzlich verschießen
Die Aufgabe ist zunächst ganz simpel: Der Ball liegt ruhig auf dem Punkt, andere Spieler dürfen nicht eingreifen und nur der Torwart steht zwischen dem Schützen und dem Tor. Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Unter starkem Druck beginnen Spieler, Bewegungen bewusst zu kontrollieren, die normalerweise automatisch ablaufen. Der Anlauf wird hektisch, der Körper verkrampft oder der Schuss unsauber.
Dieses Versagen in einem besonders wichtigen Moment wird als Choking under Pressure bezeichnet. Gemeint ist ein Leistungseinbruch, obwohl der Spieler eigentlich die Fähigkeiten besitzt. Weder Erfahrung noch Bekanntheit schützen davor automatisch. Hohe Erwartungen können den Druck sogar verstärken.
Zusätzlicher Druck entsteht, wenn der Gegner unmittelbar zuvor getroffen hat. Eine Studie von Elfmeterschießen bei Welt- und Europameisterschaften zwischen 1976 und 2024 stellte in dieser Situation eine um 17,9 Prozentpunkte niedrigere Trefferwahrscheinlichkeit fest. Der Schütze kämpft in diesem Moment nicht nur um ein Tor, sondern auch gegen die Angst, den Anschluss zu verlieren.
Torhüter versuchen, diesen Druck gezielt zu verstärken. Sie bewegen sich auffällig auf der Linie, suchen den Blickkontakt oder setzen Täuschungsbewegungen ein. Solche Ablenkungsversuche können die Trefferquote tatsächlich beeinflussen.
Hat das Team mit dem ersten Schuss einen Vorteil?
Lange dachte man, dass das zuerst schießende Team häufiger beim Elfmeterschießen gewinnt. Als Erklärung galt der höhere Druck auf die Mannschaft, die ständig nachziehen muss.
Neuere und wesentlich größere Datensätze finden jedoch keinen klaren Vorteil für eine der beiden Reihenfolgen. Der psychologische Druck ist real, entscheidet statistisch aber offenbar nicht dauerhaft über den Sieger. Die Reihenfolge ist damit weniger wichtig, als lange angenommen wurde.
Und was ist jetzt wirklich Zufall?
Technik und Vorbereitung können die Chancen verbessern, garantieren können sie das Ergebnis aber nicht. Hoher Druck oder minimale Abweichungen lassen immer Raum für Zufall.
Elfmeterschießen ist deshalb weder bloßes Glück noch eine exakte Wissenschaft, sondern eine Mischung aus Können, Nervenstärke und ein bisschen Zufall.

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