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2,3 xG und trotzdem 0 Tore: Was Expected Goals wirklich bedeuten

Geschrieben von Nils Brandt

Zuletzt aktualisiert am

Fußball liegt vor einem Tor im Stadion als Symbolbild für Expected Goals und Torchancen.

Ein Team verliert 0:1. Nach dem Spiel zeigt die Statistik aber 2,3 Expected Goals für den Verlierer und gerade einmal 0,7 für den Sieger. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich: Hätte die Mannschaft mit 2,3 xG nicht eigentlich zwei oder sogar drei Tore erzielen müssen?

Genau hier entstehen die meisten Missverständnisse. Expected Goals sagen nicht voraus, wie viele Tore in einem Spiel fallen müssten. Die Kennzahl versucht stattdessen zu messen, wie gefährlich die Abschlüsse einer Mannschaft insgesamt waren. Wer versteht, wie diese Zahl entsteht, kann sie nach einem Fußballspiel deutlich besser einordnen.

Was bedeutet xG überhaupt?

Expected Goals, kurz xG, ist eine Fußballstatistik, die schätzt, wie wahrscheinlich es ist, dass aus einem bestimmten Schuss ein Tor entsteht. Jeder Schuss erhält dafür einen Wert zwischen 0 und 1.

Ein Wert von 0,10 xG bedeutet beispielsweise: Von 100 vergleichbaren Schüssen landen in den zugrunde liegenden Daten ungefähr zehn im Tor. Bei 0,50 xG wären es etwa 50. Je höher der Wert, desto größer ist die Chance, aus dieser Situation zu treffen.

Dabei zählt nicht nur die Entfernung zum Tor. Der Sportdatenanbieter Opta berücksichtigt in seinem xG-Modell mehr als 20 Faktoren. Dazu gehören unter anderem der Winkel zum Tor, die Position des Torwarts, gegnerischer Druck, der verwendete Körperteil und die Aktion unmittelbar vor dem Schuss. Ein freier Schuss aus kurzer Distanz erhält deshalb normalerweise einen höheren Wert als ein Kopfball unter Bedrängnis aus derselben Entfernung.

Ein anschaulicher Referenzwert ist der Elfmeter. Opta bewertet ihn mit 0,79 xG. Der Grund: In den Daten, auf denen das Modell basiert, wurden rund 79 Prozent der Strafstöße verwandelt. Selbst ein Elfmeter bekommt also keine 1,0, weil auch er verschossen oder gehalten werden kann.

Ein einzelner Wert wie xG ist dabei nur ein Beispiel dafür, wie stark Daten den modernen Profisport inzwischen prägen.

Warum 2,3 xG nicht 2,3 Tore bedeuten

Nach einem Spiel werden die xG-Werte aller Schüsse einer Mannschaft zusammengerechnet. Hat ein Team beispielsweise fünf Chancen mit 0,10, 0,15, 0,30, 0,35 und 0,50 xG, ergibt das insgesamt 1,40 xG.

Was bedeutet diese 1,40 nun? Am einfachsten lässt es sich so vorstellen: Würden genau diese fünf Chancen sehr oft vorkommen, würden daraus langfristig im Durchschnitt etwa 1,4 Tore entstehen. In einem einzelnen Spiel können daraus trotzdem null, ein, zwei oder noch mehr Tore werden.

Ähnlich wie bei einem Münzwurf sagt eine Wahrscheinlichkeit nicht, was beim nächsten Versuch passieren wird. Auch wenn die Chance auf Kopf bei 50 Prozent liegt, kann eine Münze dreimal hintereinander Zahl zeigen.

Dazu kommt ein zweiter Punkt: Der Gesamtwert verrät nicht, wie er entstanden ist. Zwei große Chancen mit jeweils 0,50 xG ergeben genauso 1,0 xG wie zwanzig schwierige Abschlüsse mit jeweils 0,05. In der Statistik steht in beiden Fällen derselbe xG-Wert, die Mannschaften haben sich aber völlig unterschiedliche Möglichkeiten erspielt.

Deshalb erzählt die Zahl allein nie die ganze Geschichte. Eine sogenannte Shot Map, auf der die Position und Qualität der einzelnen Schüsse dargestellt werden, kann zusätzlich zeigen, ob ein Team wenige sehr gute oder viele eher harmlose Chancen hatte.

Warum verschiedene Anbieter unterschiedliche xG-Werte zeigen

Wer nach einem Spiel mehrere Apps oder Statistikseiten öffnet, kann dort leicht unterschiedliche xG-Werte entdecken. Das ist nicht automatisch ein Fehler. Es gibt kein einziges verbindliches xG-Modell, nach dem alle Anbieter rechnen.

Opta, StatsBomb und andere Sportdatenanbieter verwenden eigene Datensätze und Berechnungsmethoden. Manche Modelle berücksichtigen mehr Informationen über die Position von Torwart und Verteidigern, andere gewichten bestimmte Spielsituationen anders. Selbst beim Elfmeter gibt es kleine Unterschiede: Opta verwendet 0,79 xG, StatsBomb seit einer Überarbeitung seines Modells 0,78.

Derselbe Schuss kann je nach Anbieter einen etwas anderen Wert erhalten. Wer Mannschaften oder Spieler über einen längeren Zeitraum vergleichen möchte, sollte möglichst Werte aus derselben Datenquelle verwenden.

Was xG nicht zeigt

Eine wichtige Grenze steckt bereits in der Berechnung: Ohne Schuss gibt es in klassischen xG-Modellen normalerweise auch keinen xG-Wert. Spielt ein Flügelspieler den Ball quer vor das fast leere Tor und ein Verteidiger klärt unmittelbar vor dem einschussbereiten Stürmer, war die Situation offensichtlich gefährlich. Weil niemand zum Abschluss kam, taucht sie im normalen xG-Wert trotzdem nicht als Torchance auf.

Dasselbe kann passieren, wenn ein Stürmer allein vor dem Tor den Ball zu weit vorlegt oder einen gefährlichen Pass nur um wenige Zentimeter verpasst. Solche Beinahe-Chancen gehören zu den Grenzen der Kennzahl. Auch mehrere Nachschüsse innerhalb weniger Sekunden können den Gesamtwert einer Situation größer wirken lassen, obwohl daraus höchstens ein Tor entstehen konnte.

xG bewertet außerdem in erster Linie die Ausgangslage des Schusses und nicht, wie gut der Spieler anschließend schießt. Ein schwieriger Versuch kann nur 0,08 xG wert sein und trotzdem perfekt im Winkel landen. Für die Qualität eines Schusses nach dem Abschluss gibt es andere Kennzahlen wie Expected Goals on Target, kurz xGOT.

So liest du xG nach einem Spiel richtig

Allein aus 2,3 zu 0,7 xG abzuleiten, welche Mannschaft „verdient“ gewonnen hätte, greift zu kurz. Zuerst lohnt sich der Blick darauf, wie die Werte entstanden sind: Gab es wenige große Chancen oder zahlreiche schwierige Schüsse? Wo wurden die Abschlüsse abgegeben? Und wie sah das Spiel zu diesem Zeitpunkt aus?

Auch der betrachtete Zeitraum ist wichtig. In einem einzigen Spiel haben Zufall, starke Torwartparaden oder außergewöhnlich gute Abschlüsse großen Einfluss. Über viele Partien werden xG-Werte interessanter, weil einzelne Ausreißer weniger Gewicht haben. Eine 2023 in PLOS One veröffentlichte Untersuchung mehrerer europäischer Ligen kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass Expected Goals zukünftige Teamleistungen besser vorhersagen konnten als einfache Werte wie die bisher erzielten Tore oder die reine Zahl der Schüsse.

2,3 xG bei null Toren sind weder ein Rechenfehler noch der Beweis dafür, dass eine Mannschaft eigentlich hätte gewinnen müssen. Vereinfacht bedeuten 2,3 xG: Würden sich diese Abschlüsse sehr oft wiederholen, würden daraus im Durchschnitt ungefähr 2,3 Tore entstehen. An diesem Abend ging eben keiner davon rein.

Über den Autor

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Nils Brandt

Ich bin Nils und schreibe bei Themenblick vor allem über Gaming, Sport, Technik, Filme und digitale Trends. Mich interessieren Themen, bei denen es nicht nur um die schnelle Schlagzeile geht, sondern auch um die Geschichte dahinter. In meiner Freizeit lese ich mich gerne in neue Themen ein, fahre Ski und mache ab und zu Roadtrips.

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