Keine deutsche Nationalmannschaft, kein England, kein Frankreich, kein Portugal und nicht einmal Weltmeister Spanien. Was bisher wie eine leere Drohung klang, ist plötzlich die offizielle Position des gesamten europäischen Fußballs.
Alle 55 UEFA-Mitgliedsverbände haben einstimmig beschlossen, FIFA-Wettbewerbe zu boykottieren, solange der umstrittene Investorenplan weiterverfolgt wird. Spätestens bei der Frauen-WM 2027 in Brasilien würde der Konflikt eines der größten FIFA-Turniere treffen. Also bereits im nächsten Jahr.
FIFA öffnet das WM-Geschäft für Investoren
Die geplante Gesellschaft soll FIFA Forward Enterprise, kurz FFE, heißen. Sie würde unter anderem Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketing, Lizenzgeschäfte und die operative Durchführung der FIFA-Turniere bündeln. Ihr Wert soll dabei rund 20 Milliarden US-Dollar betragen. Bis zu 20 Prozent könnten als nicht kontrollierende Minderheitsanteile an private Investoren gehen und bis zu 4,2 Milliarden Dollar einbringen.
FIFA betont, dass sie Eigentümerin und kontrollierende Mehrheit bleiben würde. Entscheidungen über Regeln, Wettbewerbsformate, den internationalen Kalender und andere sportliche Fragen sollen laut FIFA weiterhin ausschließlich beim Verband liegen. Investoren würden also nicht offiziell die Weltmeisterschaft besitzen. Sie wären aber an dem Unternehmen beteiligt, das mit ihr Geld verdient.
40 Millionen Dollar für ein Ja
Die FIFA verbindet das Modell mit einem gewaltigen Finanzierungspaket. Jeder der 211 Mitgliedsverbände könnte bis zu 20 Millionen Dollar als einmalige Sonderfinanzierung erhalten. Gleichzeitig soll die reguläre FIFA-Forward-Förderung für den Zyklus 2027 bis 2030 von bisher acht auf 20 Millionen Dollar steigen. Zusammengerechnet stehen damit bis zu 40 Millionen Dollar je Verband im Raum.
Die Verbände sollen sich bis zum 19. September 2026 positionieren. UEFA kritisiert nicht nur das Modell selbst, sondern auch die kurze Frist, die fehlende vorherige Konsultation und die Verknüpfung mit deutlich höheren Zahlungen. Sie bezeichnet das Vorgehen als Druckmittel statt als demokratischen Prozess.
Für reiche europäische Verbände ist es leichter, das Geld abzulehnen. Für kleinere Fußballnationen können bis zu 40 Millionen Dollar jedoch neue Trainingszentren, Plätze, Jugendprogramme und ganze Nationalmannschaftsstrukturen finanzieren. Deshalb dürfte der Vorschlag außerhalb Europas durchaus Unterstützer finden.
Was Investoren aus einer WM machen könnten
UEFA befürchtet, dass sich die Logik der WM verändert, sobald externe Investoren beteiligt sind. Dann könnten nicht mehr nur sportliche Interessen darüber entscheiden, wie groß ein Turnier wird, wo es stattfindet, wie häufig gespielt wird oder wie teuer Tickets und kommerzielle Angebote werden.
Sobald Anteilseigner vorhanden sind, wird wirtschaftlicher Erfolg nicht mehr nur ein Ziel der FIFA, sondern eine dauerhafte Verpflichtung gegenüber Investoren.
Kann eine Weltmeisterschaft weiterhin ausschließlich dem Sport verpflichtet sein, wenn ein Teil ihres Geschäfts dauerhaft Rendite für externe Eigentümer erwirtschaften muss?
Kann Europa die WM wirklich lahmlegen?
Die UEFA verfügt mit 55 von 211 FIFA-Mitgliedern nicht über eine eigene Mehrheit. Bei der FIFA hat grundsätzlich jeder nationale Verband eine Stimme, unabhängig davon, ob es sich um Deutschland oder einen winzigen Inselverband handelt.
Sportlich und wirtschaftlich ist Europa jedoch kaum zu ersetzen. Europa stellt zahlreiche führende Nationalmannschaften und Stars und gehört zu den wichtigsten Sponsoren- und Fernsehmärkten des Weltfußballs. FIFA braucht diese Beteiligung, damit ihre Turniere sportlich glaubwürdig und kommerziell erfolgreich bleiben.
Kein Europa in der WM würde noch ein weiteres Problem schaffen: 2030 sollen Spanien und Portugal gemeinsam mit Marokko die Männer-WM ausrichten. Zwei Gastgeber könnten damit ein Turnier boykottieren, das teilweise in ihren eigenen Ländern stattfindet.
Außerdem steht Europa nicht vollständig allein. CONCACAF, der Verband für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik, hat den Vorschlag ebenfalls abgelehnt. Der asiatische Verband kritisierte insbesondere die fehlende Konsultation scharf. Damit entwickelt sich der Streit zunehmend von einem Konflikt zwischen FIFA und UEFA zu einer internationalen Führungskrise.
Infantino hält dagegen – wer knickt zuerst ein?
FIFA hat nach der Boykottdrohung nicht nachgegeben. Der Verband erklärte, niemand verkaufe den Fußball und möchte den Konsultationsprozess fortsetzen. Das Modell soll allerdings nur umgesetzt werden, wenn eine Mehrheit der Mitgliedsverbände zustimmt und auch der FIFA-Rat die notwendigen Änderungen genehmigt.
Ob FIFA den gesamten Plan zurückzieht, das Modell abschwächt oder den Boykott europäischer Nationalteams riskiert, bleibt offen. Bereits 2021 hatte Europa mit einem Boykott gedroht, als FIFA die WM alle zwei Jahre austragen wollte. Ob die Drohung diesmal auch Erfolg hat, dürfte sich spätestens rund um den 19. September zeigen.

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