Eine Insel mitten im Ozean, eingezeichnet auf Seekarten, übernommen von Kartografen und teilweise sogar Ziel von Expeditionen. Das Problem: Die Insel existiert gar nicht.
Solche Orte werden als Phantominseln bezeichnet. Einige hielten sich nur wenige Jahrzehnte auf Karten, andere über Jahrhunderte. Dahinter steckten nicht immer erfundene Geschichten. Oft reichten ein Navigationsfehler, eine optische Täuschung oder der Bericht eines einzigen Seefahrers, damit plötzlich neues Land auf der Weltkarte auftauchte.
Was genau ist eine Phantominsel?
Als Phantominsel bezeichnet man eine Insel, die auf Karten als realer Ort dargestellt wurde, deren Existenz sich später aber nicht bestätigen ließ. Gerade in Zeiten, in denen große Teile der Ozeane noch kaum vermessen waren, war das keine Seltenheit.
Kartografen konnten schließlich nicht einfach per Satellit überprüfen, ob eine Meldung stimmte. Sie waren auf Berichte von Seefahrern, ältere Karten und teilweise nur grobe Positionsangaben angewiesen. Wurde eine vermeintliche Insel einmal eingezeichnet, übernahmen andere Kartenmacher sie häufig ebenfalls.
So konnten Fehler erstaunlich lange bestehen bleiben. Im 19. Jahrhundert wurden allein aus britischen Seekarten zahlreiche nicht existente Inseln wieder gestrichen, nachdem die Meere immer genauer vermessen worden waren.
Hy-Brasil: Die geheimnisvolle Insel vor Irland
Eine der bekanntesten Phantominseln ist Hy-Brasil. Sie wurde über Jahrhunderte westlich von Irland eingezeichnet und tauchte auf zahlreichen europäischen Karten auf.

westlich von Irland, um 1571. Bild: Wikimedia Commons / Public Domain
Mit der Insel verbanden sich später Geschichten über einen geheimnisvollen Ort, der im Nebel verschwinden und nur gelegentlich sichtbar werden sollte. Tatsächlich wurde sogar nach Hy-Brasil gesucht. Aufzeichnungen aus Bristol zeigen, dass im 15. Jahrhundert Schiffe ausliefen, um die Insel zu finden. Gefunden wurde sie nie.
Warum Menschen glaubten, dort Land gesehen zu haben, lässt sich heute nicht eindeutig klären. Eine mögliche Erklärung sind Luftspiegelungen. Unter bestimmten Bedingungen kann Licht so gebrochen werden, dass weit entfernte Küsten, Wolken oder andere Objekte wie Land am Horizont erscheinen.
Hy-Brasil verschwand schließlich aus den Karten, die Geschichte der Insel blieb.
Frisland: Ein Kartenfehler mit erstaunlich langem Leben
Auch Frisland existierte nur auf Papier. Die angebliche Insel lag südlich von Island und wurde im 16. Jahrhundert durch eine veröffentlichte Karte bekannt.
Ausgangspunkt war der Venezianer Nicolò Zeno. Er veröffentlichte 1558 eine Beschreibung angeblicher Reisen seiner Vorfahren und eine dazugehörige Karte. Heute gelten große Teile dieser Geschichte als äußerst zweifelhaft.

Frisland. Bild: Wikimedia Commons / Public Domain
Das hinderte andere Kartografen allerdings nicht daran, Frisland zu übernehmen. Die Insel erschien anschließend auf Karten bedeutender Kartenmacher und blieb mehr als 100 Jahre Bestandteil europäischer Weltkarten.
Genau hier zeigt sich das eigentliche Problem früher Kartografie: Eine falsche Information musste nicht immer wieder neu entstehen. Es genügte, wenn ein Fehler einmal glaubwürdig genug wirkte. Danach wurde er kopiert.
Manchmal hatten solche erfundenen Orte sogar politische Folgen. Im Pariser Frieden von 1783, der unter anderem die Grenzen der neu entstandenen Vereinigten Staaten regelte, wurde beispielsweise eine Insel namens Isle Phelipeaux im Lake Superior erwähnt. Später stellte sich heraus: Auch sie existierte nicht.
Sandy Island: Eine Phantominsel im Zeitalter von Google Maps
Man könnte meinen, Phantominseln seien spätestens mit moderner Navigation verschwunden. Doch ein besonders kurioser Fall zeigt das Gegenteil.
Sandy Island sollte im Korallenmeer zwischen Australien und Neukaledonien liegen. Die Insel tauchte nicht nur auf älteren Karten auf, sondern war im 21. Jahrhundert sogar in digitalen Kartendaten und auf Google Maps zu finden.

damals noch eingezeichnet. Bild: Wikimedia Commons / Public Domain
2012 fuhr ein australisches Forschungsschiff gezielt zu der angegebenen Position. Dort war allerdings keine Insel, sondern offenes Meer. Messungen zeigten an der Stelle eine Wassertiefe von rund 1.400 Metern.
Später ließ sich der Fehler bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Ein Walfangschiff namens Velocity hatte 1876 in der Gegend „Sandy Islets“ gemeldet. Der Eintrag wurde anschließend offenbar immer wieder in andere Karten übernommen. Mehr als ein Jahrhundert später war aus der unsicheren Beobachtung noch immer eine vermeintlich echte Insel geworden.
Heute dürften klassische Phantominseln kaum noch eine Chance haben, sich ähnlich lange zu halten. Satellitenbilder, GPS und detaillierte Vermessungen haben die weißen Flecken auf der Weltkarte fast vollständig beseitigt.
Die alten Phantominseln zeigen aber, wie Karten früher entstanden: nicht als perfekte Abbildung der Erde, sondern als Mischung aus Messungen, Berichten und manchmal schlicht falschen Annahmen. Und wenn ein Fehler erst einmal auf der Karte stand, konnte es erstaunlich lange dauern, bis jemand nachsah, ob dort wirklich Land war.

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