Zum Inhalt springen

Museen beginnen, Gerüche zu konservieren

Geschrieben von Nils Brandt

Zuletzt aktualisiert am

Duftproben, alte Bücher und Pipette in einem Museum zur Erforschung historischer Gerüche.

Museen bewahren Gemälde, Kleidung, Werkzeuge und sogar historische Tonaufnahmen. Doch ein wichtiger Teil der Vergangenheit verschwindet meistens unbemerkt: ihr Geruch.

Forscher und Museen versuchen deshalb zunehmend, historisch bedeutsame Düfte zu dokumentieren und nachzubilden. Dazu gehören der Geruch alter Bücher, jahrhundertealter Räume, historischer Fahrzeuge oder früherer religiöser Rituale. Fachleute sprechen dabei von „olfaktorischem Kulturerbe“. Darunter gehören Gerüche, die eng mit bestimmten Orten, Gegenständen, Traditionen oder Gemeinschaften verbunden sind.

Gerüche können zudem besonders schnell Erinnerungen auslösen und längst vergessene Situationen wieder vertraut wirken lassen.

Ein Geruch lässt sich nicht einfach einsperren

Einen Geruch in einer Flasche aufzubewahren, funktioniert nur begrenzt. Duftstoffe verändern sich, zerfallen oder reagieren miteinander. Deshalb konservieren Forscher meistens nicht den Geruch selbst, sondern möglichst viele Informationen über ihn.

Zunächst wird die Luft direkt über einem historischen Gegenstand untersucht. Dabei sammeln Wissenschaftler flüchtige Stoffe, die das Objekt abgibt. Verfahren wie Gaschromatografie und Massenspektrometrie trennen diese Verbindungen und helfen dabei, einzelne Bestandteile zu erkennen. Zusätzlich beurteilen Menschen den Geruch und beschreiben ihn beispielsweise als holzig, süß, muffig oder rauchig. Chemische Messwerte allein reichen nicht aus, weil nicht jede messbare Substanz für die menschliche Nase gleich wichtig ist.

Bei einer Untersuchung historischer Bücher bezeichneten Museumsbesucher deren Geruch besonders häufig als Schokolade oder Kaffee. Weitere Beschreibungen waren „alt“, „holzig“ und „verbrannt“. Aus den chemischen Messungen und den menschlichen Eindrücken entstand ein eigenes Geruchsrad für alte Bücher.

So entstehen Gerüche aus der Vergangenheit

Existiert die ursprüngliche Geruchsquelle nicht mehr, greifen Forscher auf historische Rezepte, Gemälde, Briefe und andere schriftliche Beschreibungen zurück. Daraus entwickeln Historiker, Chemiker und Parfümeure gemeinsam eine möglichst nachvollziehbare Rekonstruktion.

Ein Beispiel sind sogenannte Pomander. Diese kleinen Duftbehälter wurden im 16. Jahrhundert mit Zutaten wie Rosmarin, Gewürznelken oder Moschusstoffen gefüllt und unter anderem als vermeintlicher Schutz vor Krankheiten getragen. Die erhaltenen Behälter in Museen riechen heute kaum noch. Das europäische Forschungsprojekt Odeuropa rekonstruierte ihren Duft deshalb anhand historischer Rezepte.

Auch Rückstände altägyptischer Einbalsamierungsstoffe wurden chemisch untersucht. Auf Grundlage der nachgewiesenen aromatischen Materialien entstand eine moderne Geruchsrekonstruktion, die Besuchern über Duftkarten und feste Geruchsstationen vermittelt wird. Eingesetzt wurde sie unter anderem im Museum August Kestner in Hannover und im Moesgaard Museum in Dänemark.

Ein Archiv für verschwundene Düfte

Odeuropa eröffnete 2023 gemeinsam mit dem französischen Parfümarchiv Osmothèque eine eigene Sammlung historisch bedeutender Gerüche. Die erste Kollektion umfasst 19 Düfte. Darunter befinden sich Weihrauch, Myrrhe, gegerbtes Leder, ein historischer Amsterdamer Kanal und sogar eine Rekonstruktion davon, wie sich Menschen im 16. und 17. Jahrhundert den Geruch der Hölle vorgestellt haben.

Gespeichert werden nicht nur physische Duftproben. Zum Archiv gehören auch Informationen zur Herstellung, chemische Daten und Erklärungen zur kulturellen Bedeutung. Ein weiterer Geruch wurde aus dem Innenraum eines historischen Rover P5B rekonstruiert, der von Königin Elizabeth II. genutzt worden war.

Parallel untersucht das Forschungsprojekt Odotheka Gegenstände aus dem Nationalmuseum in Krakau und dem Nationalmuseum Sloweniens. Ziel ist eine internationale Datenbank, in der die Gerüche historischer Objekte systematisch beschrieben und reproduzierbar dokumentiert werden.

Eine perfekte Zeitreise ist trotzdem unmöglich

Historische Gerüche bleiben immer eine Annäherung. Bei einem alten Gegenstand kann heute beispielsweise der Geruch des gealterten Materials dominieren, obwohl er ursprünglich ganz anders roch. Schriftliche Überlieferungen sind häufig unvollständig, und Menschen nehmen denselben Duft unterschiedlich wahr.

Hinzu kommt, dass Museen nicht jede historisch korrekte Substanz verwenden können. Rekonstruktionen müssen für Besucher, Gebäude und Ausstellungsstücke sicher sein. Auch die Konzentration der Duftstoffe, die Belüftung und mögliche Auswirkungen flüchtiger Verbindungen auf empfindliche Sammlungen müssen berücksichtigt werden. Einheitliche internationale Standards befinden sich noch in der Entwicklung.

Museen und historische Orte können die Vergangenheit deshalb nicht exakt wieder riechbar machen. Sie können aber einen Teil bewahren, der bisher fast vollständig verloren ging. Geschichte besteht schließlich nicht nur aus dem, was Menschen gesehen haben, sondern auch aus den Gerüchen, die ihren Alltag geprägt haben.

Über den Autor

44 Artikel

Nils Brandt

Ich bin Nils und schreibe bei Themenblick vor allem über Gaming, Sport, Technik, Filme und digitale Trends. Mich interessieren Themen, bei denen es nicht nur um die schnelle Schlagzeile geht, sondern auch um die Geschichte dahinter. In meiner Freizeit lese ich mich gerne in neue Themen ein, fahre Ski und mache ab und zu Roadtrips.

Offene Diskussion

Diskussion starten

Mitdiskutieren

Teilen Sie Kontext, Korrekturen und durchdachte Perspektiven. Bleiben Sie hilfreich, konkret und respektvoll.

Ihre Perspektive hinzufügen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.