Marvel’s Wolverine erscheint am 15. September und eigentlich schien die Ausgangslage ziemlich sicher: Insomniac, Wolverine, brutale Kämpfe und das Studio hinter den erfolgreichen Spider-Man-Spielen. Was hätte da schon groß schiefgehen können?
Ganz so eindeutig fällt das Urteil kurz vor Release allerdings nicht aus. Marvel’s Wolverine steht aktuell bei rund 78 Punkten auf Metacritic, mehrere große Medien vergeben nur 6 von 10 Punkten. Gleichzeitig gibt es Wertungen jenseits der 85. Für ein großes PlayStation-Spiel von Insomniac gehen die Meinungen erstaunlich weit auseinander.
Und gerade beim Gameplay tauchen immer wieder dieselben Kritikpunkte auf.
Das größte Problem ist das Handholding
Wolverine besitzt einen Spürsinn, der eine Art Geruchsspur durch die Level legt und ziemlich genau zeigt, wo es weitergeht. Für sich genommen also nichts Ungewöhnliches. Gleichzeitig markieren weiße Flächen mögliche Wege, Symbole weisen auf Ziele hin und an manchen Stellen kommen noch weitere Navigationshilfen dazu.
Bei versteckten Kisten wird es fast absurd. Sie senden sichtbare Effekte aus, erzeugen Geräusche und können teilweise schon durch Hindernisse wahrgenommen werden. Selbst in streng linearen Abschnitten bekommt Logan weiterhin seine GPS-artige Spur angezeigt. Der Spieler soll suchen, wirklich versteckt wird aber kaum etwas.
Noch kurioser sind manche Quick-Time-Events. In Tests wird beschrieben, dass einzelne Sequenzen selbst dann weiterlaufen, wenn überhaupt keine Taste gedrückt wird. Dazu kommen Passagen, in denen Wolverine spektakuläre Dinge tut, während der Spieler hauptsächlich zuschaut.
Genau daraus entsteht ein merkwürdiger Gegensatz: Auf dem Bildschirm zerlegt Wolverine seine Gegner ohne Rücksicht auf Verluste. Beim eigentlichen Spielen scheint Insomniac dem Spieler dagegen erstaunlich wenig zuzutrauen.
Die Krallen machen Spaß – nur vielleicht etwas zu lange
Auch beim Kampfsystem gehen die Meinungen auseinander. Die Grundidee passt perfekt zu Wolverine: Logan springt zwischen Gegnern hin und her, pariert Angriffe, zerlegt Feinde mit seinen Adamantium-Klauen und heilt sich dank seiner Regeneration wieder hoch. Zu Beginn kann das ziemlich viel Spaß machen.
Das Problem zeigt sich mit der Zeit. Gegner funktionieren häufig ähnlich, viele Begegnungen laufen nach demselben Muster ab und das Kampfsystem entwickelt sich offenbar nicht genug weiter, um über die komplette Spielzeit frisch zu bleiben.
Dazu kommen Bosskämpfe, die sich teilweise länger ziehen als nötig, und eine nahe Kamera, die bei größeren Gegnergruppen schnell unübersichtlich werden kann. Selbst deutlich positivere Tests sprechen diese Schwächen an.
Wolverine kann also durchaus Spaß machen. Die Frage ist eher, wie lange einem das gleiche Grundprinzip reicht.
Wolverine will Blockbuster und Spiel zugleich sein
Insomniac setzt stark auf die cineastische Inszenierung, für die PlayStation seit Jahren bekannt ist. Große Setpieces, detaillierte Gesichter, Dialoge beim Laufen und aufwendig produzierte Zwischensequenzen gibt es reichlich.
Nur nimmt das Spiel dem Spieler dabei offenbar immer wieder die Kontrolle aus der Hand. Es gibt längere Abschnitte, in denen man hauptsächlich nach vorne läuft, Gesprächen zuhört oder Gegenstände untersucht, bevor die nächste Actionszene beginnt. Das sieht gut aus, ist aber nicht immer besonders spannend zu spielen.
Die Linearität selbst ist dabei gar nicht unbedingt das Problem. Wolverine verzichtet bewusst auf eine riesige Open World und konzentriert sich auf eine geradlinige Kampagne. Das wird in einigen Tests sogar ausdrücklich gelobt. Nach Jahren voller Karten mit hunderten Symbolen kann ein fokussiertes Actionspiel ziemlich erfrischend sein.
Schwieriger wird es dort, wo diese Linearität zusätzlich mit ständigen Wegweisern, automatisierten Sequenzen und wenig spielerischer Freiheit kombiniert wird.
Logan selbst kommt deutlich besser weg
Zwischen all der Kritik kommt ein Bereich deutlich besser weg: Wolverine selbst.
Insomniac macht aus Logan nicht einfach den ständig schlecht gelaunten Einzelgänger. Liam McIntyres Version kann brutal und animalisch sein, zeigt gegenüber Menschen, denen er vertraut, aber auch eine ruhigere und überraschend warme Seite. Gerade diese Mischung gibt dem Charakter mehr als nur Klauen, Blut und schlechte Laune.
Auch Story, Präsentation und Schauspiel werden deutlich positiver aufgenommen als Teile des Gameplays. Die Geschichte greift Logans Vergangenheit auf und bringt bekannte Figuren aus der X-Men-Welt ins Spiel, ohne einfach die Filme nachzuerzählen. Mehrere Tests sehen gerade in Logan und seinen Beziehungen eine der größten Stärken des Spiels.
Fast schade also, dass ausgerechnet das eigentliche Spielen so viele Diskussionen auslöst. Die Zutaten für ein starkes Wolverine-Spiel sind schließlich da: ein überzeugender Logan, kompromisslose Gewalt, bekannte Mutanten und eine hochwertige Inszenierung.
Ist es wirklich ein schlechtes Spiel?
Bei einem Metascore von rund 78 ist Marvel’s Wolverine kein Totalausfall. Dafür sind die Wertungen auch viel zu unterschiedlich. Einige Tests landen im mittleren 80er-Bereich, andere deutlich darunter. Im Vergleich zu Insomniacs Spider-Man-Spielen fällt Wolverine allerdings sichtbar zurück: Spider-Man kam auf 87 Punkte, Miles Morales auf 85 und Spider-Man 2 auf 90.
Am Ende dürfte deshalb vor allem entscheidend sein, was man von diesem Spiel erwartet. Wer Wolverine spielen will, um sich durch eine geradlinige, brutal inszenierte Comic-Geschichte zu kämpfen, könnte das bekommen, was er gesucht hat.
Enttäuschter dürften dagegen alle sein, die sich nach den Spider-Man-Spielen erhofft hatten, dass Insomniac auch spielerisch einen Schritt weitergeht. Wolverine scheint viel Wert darauf zu legen, möglichst spektakulär auszusehen und den Spieler möglichst reibungslos durch seine Geschichte zu führen. Mehr Freiheit, mehr Tiefe und weniger Hilfestellung hätten dem Spiel laut vielen Tests genau das geben können, was ihm jetzt fehlt.
Vielleicht ist Marvel’s Wolverine deshalb weniger eine Frage von gut oder schlecht – sondern davon, welches Wolverine-Spiel man nach all den Jahren erwartet hat.

Offene Diskussion
Diskussion starten
Teilen Sie Kontext, Korrekturen und durchdachte Perspektiven. Bleiben Sie hilfreich, konkret und respektvoll.