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Ruinen ohne Vergangenheit: Europas absichtlich gebaute Ruinen

Geschrieben von Nils Brandt

Zuletzt aktualisiert am

Künstlich errichtete antike Ruine mit Säulen und Rundbogen in einem begrünten Landschaftspark

Zerbrochene Säulen, ein beschädigter Rundbogen und Mauerreste, die langsam im Boden versinken. Die Römische Ruine im Schlosspark Schönbrunn sieht aus wie ein Überbleibsel der Antike. Doch die Wahrheit ist, dass dort nie ein römischer Tempel stand. Das Bauwerk kam 1778, lange nach der römischen Zeit, als fertige Ruine zur Welt.

Doch wieso ließen Europas Herrscher und Adelige neue Gebäude errichten, die möglichst alt und verfallen aussehen sollten?

Der Garten wurde zum begehbaren Gemälde

Im 18. Jahrhundert eroberte ein ungewöhnlicher Architekturtrend die europäischen Schlossparks. Sogenannte Follies, auf Deutsch etwa Torheiten oder verspielte Fantasiebauten, tauchten zwischen Seen, Hügeln und Baumgruppen auf. Dazu gehörten künstliche Burgen, Grotten, Tempel, Türme und Ruinen. Ihr praktischer Nutzen spielte meist nur eine Nebenrolle. Sie sollten überraschen, beeindrucken und einer Landschaft eine Geschichte geben.

Gleichzeitig veränderte sich die Gartenarchitektur. Streng symmetrische Beete und gerade Wege verloren an Bedeutung. Stattdessen entstanden Parks, die scheinbar wild und natürlich wirkten. Tatsächlich war jeder See, jeder Baum und jede Sichtachse genau geplant.

Der Garten wurde wie ein Gemälde komponiert. Eine verfallene Burg am Horizont oder ein antiker Tempel zwischen den Bäumen lieferte den passenden dramatischen Blickfang.

Viele wohlhabende Europäer hatten auf der Grand Tour historische Städte, antike Ruinen und bedeutende Bauwerke kennengelernt. Diese Bildungsreise führte sie quer durch Europa. Wieder zu Hause holten sie sich ein Stück dieser vermeintlich großen Vergangenheit in den eigenen Park. Eine künstliche Ruine zeigte deshalb mehr als guten Geschmack. Sie demonstrierte Bildung und Vermögen.

Während beim heutigen Dark Tourism gerade die echte Vergangenheit eines Ortes den Reiz ausmacht, wurde sie bei den künstlichen Ruinen einfach neu erfunden.

Vier Scheinruinen und ihre wahre Geschichte

Von Weitem sahen sie alle nach echten Überresten vergangener Jahrhunderte aus. Hinter jeder dieser Ruinen steckte jedoch eine eigene Inszenierung.

Die Römische Ruine in Schönbrunn: eine künstliche Antike

Die Römische Ruine in Wien entstand 1778 nach Plänen von Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg. Als Vorbild diente eine Darstellung des antiken Tempel des Vespasian und Titus in Rom, die der Künstler Giovanni Battista Piranesi angefertigt hatte.

Ursprünglich hieß das Ensemble „Ruine von Karthago“. Vermutlich sollte es neben seiner malerischen Wirkung auch an den Sieg Roms über Karthago erinnern. Ein dekoratives Bauwerk wurde damit zugleich zur politischen Machtdemonstration.

Foto: C.Stadler/Bwag

Wimpole Folly: Mittelalter aus dem 18. Jahrhundert

Auf dem englischen Anwesen Wimpole erhebt sich eine Burgruine, die niemals eine vollständige Burg war. Der Entwurf geht auf eine Zeichnung des Architekten Sanderson Miller aus dem Jahr 1749 zurück. Errichtet wurde sie zwischen 1768 und 1772 unter der Leitung des bekannten Landschaftsgestalters Lancelot „Capability“ Brown.

Ihre Position war genau berechnet. Die Ruine bildete den Höhepunkt einer sorgfältig geplanten Aussicht und verlieh dem jungen Anwesen auf einen Schlag eine mittelalterliche Vergangenheit.

Foto: National Trust Images/Mike Selby

Der Ruinenberg in Potsdam: Technik hinter antiker Kulisse

Auf dem Ruinenberg bei Sanssouci erfüllte die künstliche Ruinenlandschaft sogar einen technischen Zweck. Friedrich der Große ließ dort Mitte des 18. Jahrhunderts ein großes Wasserbecken anlegen, das die Fontänen im Schlosspark versorgen sollte.

Aus einer technischen Anlage entstand eine monumentale Szenerie. Die Wasserversorgung funktionierte zunächst zwar schlechter als geplant, die künstliche Antike blieb trotzdem erhalten.

Foto: Pixabay/Achim Scholty

Die Löwenburg in Kassel: inszenierte Familiengeschichte

Die Löwenburg im Bergpark Wilhelmshöhe sieht aus wie der Rest einer mittelalterlichen Ritterburg. Landgraf Wilhelm IX. ließ sie allerdings erst zwischen 1793 und 1801 erbauen.

Die Burg sollte die lange Tradition und Bedeutung des Hauses Hessen sichtbar machen. Hier wurde deshalb weit mehr als mittelalterliche Architektur kopiert. Die Löwenburg lieferte einer Herrscherfamilie gleich die passende Vergangenheit mit.

Foto: flickr/Rainer Kaufhold

Als die falschen Ruinen wirklich zerfielen

Mit der Zeit wurden aus diesen künstlich beschädigten Neubauten echte sanierungsbedürftige Denkmäler. Darin liegt das besondere Paradox dieser Bauwerke: Eine künstliche Ruine muss restauriert werden, damit sie weiterhin überzeugend verfallen aussieht.

Europas Scheinruinen waren historische Kulissen lange vor Kino und Freizeitpark. Sie machten Gärten zu begehbaren Bildern und erzählten von Antike, Rittertum, Macht und Vergänglichkeit. Ihre eigene Vergangenheit war erfunden. Ihr Verfall ist inzwischen echt.

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Nils Brandt

Ich bin Nils und schreibe bei Themenblick vor allem über Gaming, Sport, Technik, Filme und digitale Trends. Mich interessieren Themen, bei denen es nicht nur um die schnelle Schlagzeile geht, sondern auch um die Geschichte dahinter. In meiner Freizeit lese ich mich gerne in neue Themen ein, fahre Ski und mache ab und zu Roadtrips.

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